Internat oder Irrenhaus – Teil 20

4.4
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Diese Geschichte ist frei erfunden und enthält möglicherweise sexuelle Inhalte!

Ich war schon wieder eingeschlafen, als es plötzlich tutete. Es klang nicht nach dem Wecker aus dem Nachbarzimmer. Das klang nach einer Industriesirene!

Mein Gott!

Das war der Feueralarm!

Und ich lag hier festgeschnallt im Bett und konnte nicht weg!

Und schreien konnte ich auch nicht!

Zum Glück blieb mir keine Zeit, um weiter in Panik zu geraten.

Ich hörte wie die Tür aufging und dann liefen drei Frauen an mein Bett.

Von beiden Seiten begannen sie die Gurte zu öffnen.

Offenbar war noch Zeit, denn sie schnitten die Gurte nicht durch, sondern öffneten sie regelgerecht mit dem Magnetschlüssel.

In weniger als einer Minute saß ich auf der Bettkante, musste mit den Füßen in Stiefel steigen und wurde von einer Frau über den Flur geführt.

Sie redete beruhigend auf mich ein, doch durch den starken Dialekt verstand ich kein Wort.

Auch war mein Windelpaket nicht für Wanderungen gedacht und auch nicht alltagstauglich.

Mühsam watschelte ich an ihrer Hand durch die Gänge zu einem Treppenhaus.

Dort gab es das nächste Problem.

Ich trug ja immer noch meinen Schlafoverall und meine Hände waren in den dicken Fäustlingen verborgen.

So konnte ich mich nicht am Treppengeländer festhalten!

Verzweifelt protestierte ich, aber nun verstand sie mich nicht.

Es war nicht wirklich eine Sprachbarriere.

Ich hatte ja immer noch den Birnenschnuller im Mund.

Und ich konnte das Band immer noch nicht öffnen. Meine Hände steckten ja in den Fäustlingen.

Jetzt kam eine andere Frau ins Treppenhaus. Sie brachte drei weitere Kinder mit.

„Was macht ihr den noch hier“, fragte die Frau meine Begleiterin mit dem starkem Schweizer Dialekt.

Diese antwortete ihr, wieder mit Worten, die ich nicht verstand.

„Ist gut, wir machen das zusammen“, sagte die zweite Frau und schickte ihre Gruppe voraus.

„Ihr geht zuerst. Unten im Gruppenraum ist Tante Steffi. Dort treffen wir uns. Und los!“

Das ließen sich die drei Mädchen nicht zweimal sagen und liefen so gut sie halt konnten die Treppen hinab.

Alle mussten sich gut festhalten, denn auch sie trugen unter ihren Strampelanzügen breite, sichtbar dicke Windelpakete.

Ihre Füße steckten in leuchtendgelben Gummistiefeln.

Dann waren sie weg und wir hörten sie nur noch.

Nun war ich an der Reihe.

„Komm Mädchen, wir schaffen das. Immer vorsichtig eine Stufe nach der anderen.“

Wie Carlotta gestern Sophie nicht an die Hand, sondern am Handgelenk genommen hatte, nahmen die Frauen nun mich an den Handgelenken in die Mitte, hielten sich selber mit der anderen Hand am Treppengeländer fest und Stufe für Stufe gingen wir die Treppe hinunter.

Mehrfach gab es einen Treppenabsatz, dann waren wir im Erdgeschoss und die Frauen führten mich in einen Gruppenraum mit großen Glastüren zum Hof.

Ich durfte mich in einen Sessel setzen und verschnaufte mühsam. Mir war sehr warm geworden.

Aber niemand dachte auch nur daran meine Kapuze zu öffnen und sie mir vom Kopf zu nehmen.

Auch blieb der Schnuller in meinem Mund und ich konnte weiter nur durch die Nase atmen.

Nach ein paar Minuten sah ich mich nach Tante Steffi um.

Mir wurde bewusst, dass wir ja immer noch im Gebäude waren.

Ein Haus in dem es brannte!

Warum brachte man uns nicht nach draußen?

Oder wenigstens in ein anderes Gebäude?

Warum hatten die Frauen meine Gurte nicht mit einem Messer durchgeschnitten?

War es am Ende nur ein Probealarm?

Erneut versuchte ich mich umzuschauen und Tante Steffi zu entdecken.

Doch jedes Mal, wenn ich den Kopf drehte, rutschte mein Gesicht halb unter die Kapuze. Der dicke Stoff drehte sich nicht mit.

Tante Steffi konnte ich nicht entdecken. Auch Maria war nicht zu sehen.

Zwei andere mir fremde Frauen standen mit im Raum und beaufsichtigten etwa zwanzig Kinder.

Soweit ich das überblicken konnte, waren es alles Mädchen und sie trugen alle Strampelanzüge und gelbe Gummistiefel.

Und unter den Overalls oder Stramplern zeichnete sich bei jedem Mädchen ein dickes Windelpaket ab, das sie auch deutlich beim Sitzen, Stehen und Laufen behinderte.

Von meiner Gruppe konnte ich niemanden sehen, dafür entdeckte ich zwei Gestalten, die die gleichen Overalls trugen wie ich und damit weder ihre Hände benutzen, noch sich richtig umschauen konnten.

Eines der Kinder trug einen roten Overall, der des Anderen war bonbonrosa. Mir fiel auch auf, dass sie unterschiedlich groß waren.

Als eines der Mädchen in meine Richtung schaute, konnte ich sehen, dass auch sie einen großen Schnuller in Mund hatte, der ebenfalls mit Bändern befestigt zu sein schien.

Nun kamen meine Leute in den Raum.

Katja, Carlotta und Maria schauten ziemlich genervt drein. Sophies Augen hingegen waren glasig und sie taumelte etwas an Marias Hand.

Sophie trug noch immer ihren Strampelanzug von gestern Nachmittag und auch sie konnte ihre Hände nicht benutzen. Doch ihr Kopf war frei. Und wie alle anderen Mädchen trug sie ihre Haare offen.

Katja zwinkerte mir zu. Dann waren sie bei mir.

Maria bugsierte Sophie in den Sessel neben meinem.

„Hallo Leonie“, sagte Maria, „alles gut?“

„Na, ja“, babbelte ich in meinen Schnuller.

„Ach herrje“, rief Maria nun und kam schnell zu mir.

Sie nahm mir die Kapuze ab und auch endlich den Schnuller aus dem Mund. Spucke lief mir über die Wange. Ich wollte mir schon mit dem Fäustling die Spucke abwischen, doch:

„Nicht Leonie!“

Aus ihrer Tasche zog Maria ein Paket Taschentücher und gab es Katja:

„Machst du das bitte“, bat sie Katja.

Die ließ sich nicht lange bitten und wischte mir die Spucke aus dem Gesicht.

„So Schätzchen, jetzt bist du wieder sauber“, sagte Katja lachend.

Auch sie trug offenbar den gleichen Strampler wie gestern Abend, aber ihre Hände waren nun frei und sie war auch nicht dicker gewickelt als alle anderen.

Nun, alle anderen bis auf mich, Sophie und auch die beiden anderen Mädchen in den roten und rosa Stramplern.

Ihnen hatte niemand die Kapuzen abgenommen und offenbar auch nicht die Schnuller entfernt. An den Spitzen unserer Fäustlinge blinkten die D-Ringe im Deckenlicht.

Etwa fünf Minuten saßen wir schweigend zusammen und als niemand etwas erklärte, fragte ich:

„Was ist denn eigentlich los?“

„Feueralarm“, sagte Katja entspannt.

„Und warum sind wir dann nicht draußen?“ hakte ich nach.

„Ist sicher nur ein Probealarm“, sagte Carlotta.

„Und draußen ist es zu kalt“, steuerte Katja bei.

Sie sah sich nach Maria um. Die stand etwas entfernt und sprach mit einer anderen Frau, die vorhin mit ihrer Gruppe hereingekommen war.

„Meistens wird nach den Ferien ein Probealarm gemacht. Auch um den Neuen zu zeigen, wie kalt es hier selbst in Sommernächten wird“, sagte Katja dann wieder zu uns.

„Warum das aber ausgerechnet heute gemacht wird und nicht erst nächste Woche? Ich mein, jetzt sind doch noch Ferien. Die meisten Neuen kommen doch erst nächste Woche.“

„Aber es sind doch Osterferien! Und danach ist Schule bis zum Sommer. Und das neue Schuljahr beginnt doch erst nach den Sommerferien“, gab ich zu bedenken.

„Wir haben hier oft Neue, die mitten im Schuljahr kommen. Deine Eltern konnten es ja auch nicht erwarten dich loszuwerden. Die wollten auch nicht bis zum nächsten Schuljahr warten.“

Schockiert schwieg ich.

Meine Eltern wollten mich doch nicht loswerden!

Mama hatte sich Sorgen gemacht. Sie wollte nicht warten, bis sie mich im Gefängnis besuchen muss!

Aber der Zweifel war gesät.

Jetzt kam Maria zu uns.

„So Mädels, es war nur ein Fehlalarm. Wir machen aber trotzdem noch einen Spaziergang so wie bei den Probealarmen.“

Sie nickte Katja und Carlotta zu.

„Ihr kennt das ja schon. Also kommt, wir machen den Anfang.“

Zwei Frauen öffneten die verglasten Türen zum Hof hin, eine am Anfang des Raums und die Letzte am Ende des Raums. Kalte Luft strömte herein.

Wir saßen im Durchzug und ich vermisste meine Kapuze, als die kalte Luft durch meine Haare strich, die durch die Anstrengungen etwas verschwitzt und feucht waren.

„Was ist denn mit Sophie? Soll sie den Spaziergang mitmachen? Sie kriegt doch gar nichts mit“, sagte Carlotta.

Doch man hatte kein Mitleid mit ihr.

Oder mit Carlotta.

Maria setzte mir die Kapuze auf, dann nahm sie mich beim Handgelenk und zog mich hoch.

„Komm Leonie, jetzt zeigen wir dir mal unseren wunderschönen Garten.“

Dann half sie mir durch den Raum zu watscheln und durch die letzte Fenstertür in den Garten hinaus.

Hinter uns mühten sich Katja und Carlotta mit Sophie ab. Sie machte jetzt einen wacheren Eindruck und war gar nicht scharf auf einen Nachtspaziergang.

„Das ist ja eiskalt“, jammerte sie.

Sophie hatte recht.

Es war eiskalt.

Und ich war froh über meinen dicken Overall, der mich ja praktisch überall wärmte.

Jedenfalls hatten Maria, Katja und Carlotta keine Handschuhe.

Und Sophie hatte zwar Fäustlinge, die nicht ganz so dick waren wie meine, aber keine Kapuze.

Trotz der Kapuze, die Maria mir nur lose über den Kopf gezogen hatte, konnte ich die Sterne sehen.

An einer Stelle blieb ich stehen und Maria sah mir zu, wie ich in den Himmel guckte, die Sterne bewunderte und einmal tief ein und ausatmete.

Vom Haus her hörte man leise Stimmen, aber es gab kein Geschrei, wie auf dem Pausenhof.

Entlang des Gartenweges, den wir nun hinuntergingen, gab es Laternen.

Dann umrundeten wir einen kleinen Flügel und im Hof dieses Gebäudes war es ganz dunkel. Licht schien nur schwach aus einer schmalen Tür und jetzt war der Sternenhimmel noch besser zu sehen.

Ich war kein Fan von Astronomie und hatte auch mit Astrologie nichts im Sinn.

Aber wenn man schon so außerhalb einer Stadt mitten in der Nacht unter dem freien Himmel stand.

Wieder blieb ich stehen, schaute in den Himmel, hinauf zu den Sternen und fühlte mich irgendwie besonders. An Marias Hand drehte ich mich und sah mich weiter um.

Sophie stand zitternd hinter mir, Katja war meinem Beispiel gefolgt und betrachtete den Himmel und Carlotta sah irgendwie gelangweilt aus.

Über den Gartenweg kam nun eine weitere Gruppe aus Kindern in Strampelanzügen und gelben Gummistiefeln herangewatschelt, begleitet von einer erwachsenen Frau in weißer Pflegerkleidung.

Katja brach ihre Sternenbeobachtung ab und sagte:

„Kommt, lasst uns weitergehen.“

„Ja, komm Leonie, morgen ist wieder Unterricht“, stimmte Maria ihr zu.

Also gingen wir weiter, durch die schmale Tür zurück ins Schloß.

Die Gänge entlang, ein paar Treppen hinauf, bis wir schließlich in unserer Küche standen.

Dort durften wir uns auf unsere Stühle setzen und ich hampelte auf meinem Stuhl fast so unbeholfen herum wie Sophie.

Sophie warf Katja feindselige Blicke zu, denn die sah Sophie und mir interessiert zu, wie wir versuchten, es uns trotz unser Monsterwindeln und mit den in den Fäustlingen steckenden Händen auf unseren Plätzen einigermaßen bequem zu machen.

Tante Steffi, im Morgenmantel, ging herum und stellte uns Bechertassen mit Tee hin.

Da Sophie und ich unsere Tassen nicht ergreifen konnten (die dicken Fäustlinge), bekamen wir beide noch Strohhalme in unsere Tassen.

Tante Steffi streifte mir die Kapuze vom Kopf und faltete sie ordentlich zwischen meinen Schultern.

Der Tee war sehr warm und sollte uns nach dem Spaziergang an der kalten Nachtluft wieder aufwärmen.

Carlotta, Katja und sogar Sophie tranken auch schnell, fast gierig ihre Tassen leer und forderten Nachschub.

Ich dagegen hielt mich zurück.

Nicht die Tatsache, dass der Tee bald wieder herauswollen würde und ich keine Lust hatte, vor dem regulären Aufstehen noch dreimal zum Klo rennen zu müssen, hielt mich vom Trinken ab.

Da hatten wir Kinder ja jetzt keine Last mehr mit.

In meinem dicken Overall und dem Strampelanzug darunter war mir beim Spaziergang gar nicht kalt geworden.

Nein, das Laufen und Ankämpfen gegen das dicke Windelpaket hatte mir ordentlich eingeheizt!

So wünschte ich mir eher eine kalte Cola oder wenigstens einen Eistee herbei.

Ich wagte es dann doch nicht, aus der Reihe zu tanzen.

Aber Maria fiel es auf, dass ich sehr zögerlich Tee durch meinen Trinkhalm sog und erkundigte sich:

„Was ist denn los Leonie? Schmeckt dir der Tee nicht?“

„Nein“, sagte ich leise „ ist zu heiß.“

Meine Klassenkameradinnen starrten mich mit offenem Mund an.

Man konnte es an ihren Gesichtern ablesen:

Zu heiß? Bei dem kalten Wetter draußen?

Da war doch wohl jemand verrückt geworden!

Aber Maria lachte und sagte dann:

„Ja, du bist auch am wärmsten angezogen.“

Sie ging zum Kühlschrank und sah sich gründlich um.

Schließlich nahm sie ein Paket Milch heraus.

Kurz danach hatte ich eine weitere Bechertasse vor mir stehen.

Ihr Inhalt war aber nicht kühlschrankkalt.

Maria hatte die Tasse kurz in die Mikrowelle gestellt und darauf hingewiesen:

„Kinder sollen ja nicht so kalt trinken. Sonst bekommst du noch Bauchweh.“

Den Trinkhalm für die Milch hatte sie einfach aus meiner Teetasse genommen.

„Iiihh“, rief Sophie.

„Ach, die paar Tropfen“, sagte Maria.

„Das schmeckt man doch gar nicht raus.“

Die Milch war dann auch nicht kalt, sondern nur lauwarm.

Aber es half, meinen erhitzten Körper etwas abzukühlen.

Eine Geschichte von: Joe Miller
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5 Antworten zu “Internat oder Irrenhaus – Teil 20”

  1. Super genial das Du Weiter Schreibst. Dachte schon das es keine weitere Folge gibt.
    Einmal mehr eine guter Teil der auch wieder toll zu lesen wahr. Es währe schön wenn es weiter geht den Du schreibst wircklich super.
    Vielen Dank für Deine Geschichte und ich freue mich jetzt schon auf weitere Teile.
    Liebe Grüsse

  2. Hallo
    Tausend Dank für Deine Vortsetzung. Auch diesen Teil ist Super gut Geschrieben.
    Ich freue mich jetzt schon wieder auf den Nächsten Teil.
    Herzliche Grüsse vom
    Matthias

  3. Vielen Dank, dass du die Geschichte weiter fortsetzt.

    Großartig ist der Teil, mit zum Glück nur einem Fehlalarm.

    Nun bin ich gespannt, wie Leonie die restliche Nacht wegsteckt und am nächsten Tag Katjas Outfit gefallen wird.

    Werden die Mädchen bald auch den Garten am Tag nutzen können? Wird es einen Austausch mit den anderen Gruppen geben?

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