Internat oder Irrenhaus – Teil 6

4.5
(4)

Diese Geschichte ist frei erfunden und enthält möglicherweise sexuelle Inhalte!

Ich hatte Mühe ernst zu bleiben und Carlottas Spiel mitzuspielen. Offenbar wollte sie sich einen Spaß erlauben und auch Katja eins auswischen, weil die Carlottas Geschichte einfach so ausgeplaudert hatte.
Wenn die überhaupt stimmte.

Auch litt Carlottas Performance ein wenig, als sie sich beim rittlings auf den Stuhl setzen den Rocksaum hochschieben musste.

Erwartungsvoll sah sie mich an und ich überlegte, wie ich meine Geschichte beginnen sollte.
Doch plötzlich ging die Tür auf und eine ältere Frau trat ein.

„Hallo ihr Süßen, habt ihr auch schön gegessen?“, fragte sie uns, als ob wir gerade erst drei Jahre alt wären.

Enttäuscht hob Carlotta ihren Kopf und blickte zur Tür.
Zeitgleich lief Katja schnell zu der Frau hin und rief dabei laut:

„Oh, gut dass du da bist, Tante Steffi! Die Neue ist ein Spion und will Carlotta verraten!“

Überrascht schaute Tante Steffi auf mich und lächelte nach wie vor wie die etwas naive, aber gütige Tante des Hauses.

„Nein, nein, Katja. Das kann gar nicht sein. Leonies Mutter ist eine Freundin von Frau Dr. Funke und sie hat sie selbst hergebracht. Leonie ist ganz sicher keine Spionin und hat mit den Feinden von Carlottas Familie nichts zu tun!“

Sah ich da Erleichterung in Carlottas Gesicht?
Jedenfalls war es Katja anzusehen, dass ihr ein ganzes Gebirge vom Herzen fiel.

Tante Steffi kam zu mir:

„Hallo Leonie, schön dich kennenzulernen.“

Sie reichte mir die Hand und erleichtert ergriff ich diese und nun schüttelten wir uns die Hände.

„Ganz schön viel Aufregung am ersten Abend“, fragte sie mich und ich dachte, wenn du wüsstest, was ich heute Abend sonst noch an aufregenden Dingen erlebt hatte. Und ich steckte ja noch mittendrin!

In aller Seelenruhe ging Tante Steffi zum Küchenschrank und sagte nebenbei:

„Carlotta, wie sitzt du denn auf dem Stuhl? Das gehört sich aber nicht. Besonders nicht für eine anständige Dame.“

Verlegen lächelnd stand Carlotta auf und schüttelte den weiten Rock aus, so dass er wieder ordentlich über ihre Strumpfhosen fiel.
Nun wollte sie auch den Stuhl wieder ordentlich unter den Tisch schieben, aber Tante Steffi sagte:

„Lass mal, Carlotta, ich setz mich hierhin“, stellte ihre Bechertasse auf den Tisch und schenkte uns allen Tee nach.

Carlotta ging um den Tisch herum und setzte sich auf den Platz, auf dem sie schon beim Abendbrot gesessen hatte. Katja dagegen setzte sich jetzt neben Carlotta und saß mir nun gegenüber.

Auch Tante Steffi tat Zucker in ihren Tee und während sie umrührte, forderte sie mich auf:

„Erzähl mal Leonie. Wie hast du denn gelebt, bevor du zu uns gekommen bist?“

Ich hatte ja nun schon etwas Zeit gehabt, mir zu überlegen, wo ich meine Lebensgeschichte beginnen sollte und Katja seufzte, als ich erzählte, wie meine Eltern sich kennengelernt hatten.

Beide waren Studenten, fanden ihre Eltern zu konservativ und zogen schließlich in eine Bauwagensiedlung auf einem alten Bauernhof. Als mein älterer Bruder unterwegs war, heirateten sie, doch das Leben in einem Bauwagen war mit Säugling nicht mehr so romantisch, wie Mama und Papa es bisher gelebt hatten.

Beim Stichwort heiraten seufzte Katja wieder auf.
Mitte der Zweitausender Jahre war alternatives Leben im Bauwagen ja schon ein alter Hut. Der Bauer war inzwischen gestorben und die Frauen der vorherigen Generationen alternatives Leben hatten sich im Haus eingerichtet, zogen die Kinder alle gemeinsam groß und schliefen nach Lust und Laune mal mit der ganzen Familie im jeweiligen Bauwagen oder im Bauernhaus in einem Gemeinschaftsraum.

Für uns Kinder war das ein wunderbar freies Leben. In der Großfamilie, die die Gruppe bildete, hatten wir immer einen Ansprechpartner, konnten andererseits auch überall spielen und am Stadtrand waren weitere Felder und Wiesen auch nicht weit.

Doch als mein Bruder dann in die Schule kam, erfuhren wir, dass man auch anders leben konnte: Es gab Kinder, die hatten ein eigenes Zimmer!

Dort gab es Fernseher, Spielkonsolen und viele hatten auch ein Handy, ein eigenes Telefon!

Ich selbst war damals noch ziemlich klein und genoss das spielen mit anderen Kindern aus unserer Gruppe. Doch als ich neun oder zehn war und selbst schon auf die Grundschule gehen musste, verlangte Mama von Papa einen Umzug. Am besten in ein eigenes Haus. Schließlich hatten sie beide studiert!

Mama BWL und Informatik und Papa Kunst und Medizin. Letzteres zwar nur, weil sein Vater es so wollte, doch er hatte beide Studiengänge abgeschlossen und in Medizin auch weitere Prüfungen gemacht und hier und dort auch als Arzt gearbeitet. Meist als Vertreter, wenn der Praxisinhaber in Urlaub war.

Doch Papa sah sich als Künstler und wollte nicht ständig als Arzt arbeiten. Zwar hatte er mit seinen Kunstwerken inzwischen einen bescheidenen Erfolg erreicht, aber bisher war es doch brotlose Kunst. Leben konnten wir davon nicht.


Natürlich hätte auch Mama arbeiten gehen können, dann hätte Papa sich mehr um uns Kinder kümmern müssen. Aber das wollte Papa nicht. Er stand lieber in der Scheune, die er als sein Atelier bezeichnete und widmete sich seinem neusten Projekt.

Eigentlich gab es ja genug Erwachsene auf dem Hof, die sich um uns Kinder gekümmert hätten während Mama arbeiten wäre und Papa an seiner Kunst werkelte. Aber Papas strickte Weigerung etwas zu verändern, hatte in Mama etwas zerbrechen lassen.

Dann war Henning in unser Leben getreten. Er hatte ein großes Haus, arbeitete selbstständig und hatte ein ziemlich teures Auto.

Er strahlte so sehr „Ich habe Erfolg“ aus!

Er hofierte Mama, bemühte sich auch um uns Kinder, mischte sich aber nicht in die Erziehung ein und hielt sich darin an Mamas Anweisungen.

Mama gefiel das ungemein. Endlich ein Mann der ihr gehorchte. Trotzdem war Henning kein Pantoffelheld. Nach einem ernsthaften Gespräch zwischen Mama und Papa zog Mama schließlich mit uns Kindern aus.
Aber nicht zu Henning!

Einen Monat wohnten wir bei Mamas Eltern. Die hatten sich schon nach der Geburt ihres ersten Enkels mit Mama versöhnt und hielten jetzt ihr Versprechen, ihrer Tochter zur Seite zu stehen. Doch Henning gab nicht auf. Er besorgte Mama einen Job. In dieser Firma hatte sie sich inzwischen hochgearbeitet und war jetzt Leiterin der Abteilung Controlling.

Inzwischen war Mama geschieden, hatte Henning geheiratet und er war jetzt stolzer Vater einer kleinen Tochter, meiner Halbschwester Lara, für die er sich viel Zeit nahm.

Erschrocken hielt ich inne. Jetzt hatte ich soviel erzählt, hatte ich mich irgendwo verplappert, an einer Stelle durchblicken lassen, dass ich nicht die zweite Tochter der Familie war, sondern der zweite Sohn?

Eine Geschichte von: Joe Miller

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