Aversionstherapie – Teil 5

4.3
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Diese Geschichte ist frei erfunden und enthält möglicherweise sexuelle Inhalte!

Der Alltag in der Einrichtung hatte Melissa verändert. Früher war sie ein richtiger Bewegungsmuffel gewesen. Sport hasste sie, Fahrradfahren war ihr zu anstrengend, und selbst Spaziergänge ödeten sie an. Jetzt aber nutzte Melissa die wenigen freien Stunden im Bewegungsraum, um sich auf das Trimmrad zu setzen. Sie lechzte förmlich nach Bewegung. Und Bücher! Sie hatte früher nie Spaß am Lesen gehabt. Lieber verbrachte sie ihre Zeit vor dem Fernseher oder vor dem PC. Aber hier hatte sie nur die Bücher. Melissa saugte sie in sich hinein, hatte schon fast alle gelesen. Manche sogar mehrmals. Manchmal überkam sie die Angst, dass man ihr das auch noch wegnehmen würde. Sie brauchte die Bücher!

Das andere Mädchen sah Melissa weiterhin nur selten. Und wenn, dann durften sie nicht miteinander sprechen. Manchmal hörte Melissa sie schreien, in den Therapiesitzungen oder bei Bestrafungen. Gelegentlich wurden sie eng aneinander gebunden und mussten so stundenlang ausharren. Auch dann war es ihnen verboten, miteinander zu sprechen. Sie spürten den Atem und den Schweiß der anderen auf der eigenen Haut. So nah – und doch so fern.

Die Behandlungen waren unverändert erfolglos, quälend, schmerzhaft. Dann geschah es.

Es war eine ganz normale Therapiesitzung. Melissa war an den Behandlungsstuhl fixiert, die Elektroden waren angelegt. Dr. Fromm begann mit ihren hinterlistigen Fragen: „Melissa, warst du eine gute Schülerin?“ „Nein, ich hätte besser sein sollen!“ antwortete Melissa. „Hättest du fleißiger sein können?“ „Ja, ich hätte fleißiger sein können!“ antwortete Melissa. „Warum warst du es dann nicht?“ Melissa überlegte einen Augenblick zu lang, zögerte die Antwort hinaus… „Ahhhhhh!“ Ein Stromstoß schoss durch Melissas Körper. Ein besonders langer diesmal. Ein sehr langer. Es hörte nicht auf. Der Schmerz war höllisch. Melissa schrie wie am Spieß. Ihr Körper verkrampfte sich. Es muss doch aufhören, aufhören! Sina hatte den Knopf längst losgelassen. Warum hörte es nicht auf? Melissa sah, dass Dr. Fromm aufgesprungen war und Sina anschrie. Sina rannte aufgeregt durch das Zimmer. Irgendwann gelang es den Frauen, den Strom abzuschalten. Dann wurde Melissa ohnmächtig.

Als Melissa erwachte war sie in einem Krankenzimmer. Sie war nicht fixiert. Und sie war sauber! Irgendjemand musste sie gewaschen haben. Sie hatte ein sauberes Nachthemd an und trug eine saubere Windel. Die Tür öffnete sich und Dr. Fromm trat ein.

„Hallo Melissa, wie fühlst du dich?“ Melissa antwortete nicht. „Geht es dir besser?“  Wieder antwortete Melissa nicht. In einer Therapiesitzung hätte sie längst einen Stromschlag bekommen. Aber Dr. Fromm blieb freundlich. „Würdest du bitte versuchen, aufzustehen?“ sagte Dr. Fromm in liebevollem Ton.

Bitte? Hatte sie Bitte gesagt? Das einzige Bitte in den letzten anderthalb Jahren kam von Melissa selber. Wenn sie Sina anbettelte, nicht so hart zu schlagen. Oder wenn sie in den Sitzungen flehte aufzuhören, bitte bitte aufzuhören. Jetzt war sie gebeten worden, aufzustehen! Schlief sie noch? Träumte sie das alles nur?

Melissa schlug die Bettdecke zur Seite und setzte vorsichtig die Füße vors Bett. Dann stand sie auf. Sie war noch etwas wackelig auf den Beinen, aber sie stand! „Sehr schön!“ sagte Dr. Fromm. „Deine Therapie ist beendet. Du wirst gleich abgeholt!“ „Waaaas?“ Melissa dachte, sie hätte sich verhört. „Deine Eltern werden dich gleich abholen.“ fuhr Dr. Fromm fort. „Dort liegen saubere Kleider. Zieh sie bitte an. Die Windel kannst du anlassen. Sie ist ganz frisch. Ich werde draußen warten.“ Dr. Fromm verschwand.

Melissa sah sich vorsichtig um. Was für ein Trick war das? Was für eine Strafe würde sie bekommen, wenn sie jetzt wieder etwas falsch machte? Sie zog das Nachthemd aus und legte es ordentlich zusammen auf das Bett. Sie befühlte die Windel. Sie war trocken, nichts war drin. Sie musste wirklich ganz frisch sein. Ob sie jemals wieder ohne Windel auskommen würde?  Sie zog die weiße Strumpfhose an, das weiße Langarmshirt, das blaue Trägerkleid. Sogar ein Paar Schuhe stand da. Melissa schlüpfte hinein – sie passten. Dann öffnete sie die Tür.

Draußen stand Sina. Melissa zuckte unwillkürlich zurück. „Komm!“ sagte Sina. Sie führte Melissa durch einen Flur in die Halle. „Melissa! Schatz!“ die Mutter kam auf Melissa zugelaufen und wollte sie umarmen. Melissa wich ihr aus. „Hallo Melissa!“ Der Vater streckte ihr zur Begrüßung die Hand entgegen. Wie bei einem alten Kumpel. Melissa wich auch ihm aus. Ohne ein Wort setzte sie sich ins Auto. Als sie losfuhren blickte sie nicht zurück.

Die Mutter wollte auf der Fahrt die Stille durchbrechen: „Melissa, erzähle doch mal. Wie war es denn?“ Melissa sagte kein Wort. „Du sollst ja jetzt ein richtig braves Mädchen sein!“ versuchte der Vater, lustig zu sein. Melissa schwieg. Als sie nach endlos langer Fahrt in ihre Stadt kamen, hatte Melissa das Gefühl, seit hundert Jahren nicht hiergewesen zu sein.

„Ich werde nicht wieder nach Hause kommen!“ sagte Melissa. „Was soll das heißen?“ fragte die Mutter. „Aber Schatz, wir sind doch schon auf dem Weg nach Hause!“ entgegnete der Vater. „Ich werde nicht wieder nach Hause kommen!“ wiederholte Melissa in gleichem, unverändertem Ton. „Schätzchen, natürlich kommst du nach Hause. Du bist 14! Haaahahahaha…..“ Die Mutter lachte hysterisch. „Ich bin nicht 14“, sagte Melissa mit kalter Stimme. „Ich bin 40 – mindestens!“ „Rede doch nicht so einen Unsinn!“ lachte der Vater.

Als der Wagen an einer roten Ampel hielt, stieg Melissa aus und ging. Die Eltern hatten es nicht einmal bemerkt. Als es grün wurde, fuhr der Wagen wieder an. Erst hundert Meter weiter gab es plötzlich eine Vollbremsung. Der Vater sprang aufgeregt aus dem Fahrzeug und rannte die Straße rauf und runter. Aber Melissa war nicht mehr zu sehen. Sie war weg.

Eine Geschichte von: Susanne
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3 Antworten zu “Aversionstherapie – Teil 5”

  1. Sehr interessante Entwicklung. Ich kann nachvollziehen, dass Melissa nicht einfach da weitermachen kann, wo sie vor einem Jahr aufhören mußte. Im Gegensatz zu den Eltern. Jetzt wird es wirklich spannend

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