Aversionstherapie – Teil 9

Diese Geschichte ist frei erfunden und enthält möglicherweise sexuelle Inhalte!

Plopp! Der Sektkorken flog aus der Flasche. „Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung, meine Süße!“ Daniela Schneider nahm Melissa in den Arm und drückte sie. „Vorsicht!“ rief Melissa und lachte. „Du verschüttest ja alles! Dankeschön!“ Sie strahlte Daniela an und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Daniela erwiderte dies mit zwei Küssen, einen rechts – einen links.

Melissa war vor etwa 6 Jahren zunächst vorerst bei Staatsanwältin Daniela Schneider in ein kleines Gästezimmer gezogen. Die Staatsanwältin ließ ihre Beziehungen spielen und man suchte möglichst schnell eine nette Pflegefamilie für Melissa. Aber die einen sagten Melissa nicht zu, bei anderen hatte die Staatsanwältin ein schlechtes Gefühl. Irgendwann gaben sie die Suche auf und Melissa blieb einfach bei Daniela wohnen. Weil sie als Staatsanwältin einen guten Leumund hatte fragte niemand, warum sie als alleinstehende, junge Frau eine Minderjährige bei sich wohnen ließ. Melissa holte ihren Schulabschluss nach und begann dann eine Ausbildung „zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste“ in einer Bibliothek! Bücher hatten sie nicht mehr losgelassen, seit sie für anderthalb Jahre ihre einzige Input-Quelle gewesen waren. Jetzt hatte sie die Ausbildung mit Auszeichnung bestanden und wurde sogar übernommen. Mit einem schönen Anfangsgehalt!

„Wollen wir zur Feier des Tages heute Abend essen gehen?“ fragte Daniela. „Ich lade dich ein. Zu unserem Lieblingsitaliener?“ „Auja, fein!“ Melissa freute sich. „Du, ich kann aber auch dich einladen. Ich verdiene jetzt ja bald richtiges Geld!“ Sie lachte. „Kommt überhaupt nicht in Frage!“ wehrte Daniela ab. „Das kannst du später noch oft genug machen.“ Sie zwinkerte Melissa zu. „Heute Abend bist du eingeladen. Basta! Ich muss jetzt nochmal in die Staatsanwaltschaft. Also bis nachher. Tschüß!“ Sie drückte Melissa an sich. „Du, Daniela?“ Melissa hielt sie kurz am Arm fest. „Ich wollte gleich noch eben schnell in die Stadt, was erledigen.“ „Du musst dich bei mir nicht abmelden.“ sagte Daniela. „Du kannst jeder Zeit hingehen, wohin du möchtest!“ „Das weiß ich“, sagte Melissa. „Ich will das aber so!“ „Ach, Melissa, wenn du in die Stadt gehst, dann bring dir doch gleich neue Windeln mit. Die Packung ist fast zu Ende.“ Daniela wollte gerade gehen, da sah sie Melissas traurigen Blick. „Diese blöden Dinger werde ich wohl nie wieder los.“ sagte Melissa und trat gegen den Sektkorken, der noch immer auf dem Fußboden lag. „Ach komm Melissa.“ Daniela nahm sie in den Arm. „Guck mal, am Tag brauchst du sie schon gar nicht mehr. Und in der Nacht bleiben sie auch immer öfter trocken. Und überhaupt: Du bist eine so wunderschöne junge Frau, so unglaublich hübsch! Wen kümmert da das klitzekleine Handicap?“ „Dankeschön Frau Oberstaatsanwältin!“ Melissa grinste und machte einen übertriebenen Knicks. „Dummkopf!“ Daniela lachte und boxte Melissa leicht gegen die Schulter. Dann verließ sie die Wohnung. Melissa zog sich ihre Jacke über und ging ebenfalls.

Sie ging die Straße runter und bog in Richtung Hafen. Dort angekommen suchte sie eine kleine Nebenstraße auf und schaute sich vorsichtig suchend um. „Na dit is ja mal`n süßer Käfer! Hallo gnädiges Fräulein, ham se nich mal ne Mark für nen, unschuldig in Not jeratenen, alten Mann?“ „Fiete!“ Melissa drehte sich um und strahlte den Alten an. „Nee, dit jibs ja janich! Dit is ja unsre Melissa! Mensch Mädel, hast du dir rausjemacht! Schön siehste aus. Richtig lecker! Mann oh Mann, wenn ick 10 Jahre jünger wär, müsstest dir jetzt aber in Acht nehmen!“ Fiete lachte über das ganze Gesicht. „40 Jahre jünger meinst du wohl!“ lachte Melissa. „Ohh, dit war aber nich sehr nett, kleenes Fräulein.“ Fiete mimte den Beleidigten. „Du Fiete? Weißt du wo Anne steckt? Ich sehe sie nirgends.“ Melissa sah Fiete an. Der wurde plötzlich ganz leise. „Ja weeste“ sagte er „Anne is schon vor zwee Jahren jestorben. Ick wollte mir bei ihr ufwärmen, wie sie doch immer heißen Tee da hatte. Und als ick in ihre Behausung jeklettert bin, da war sie selber schon janz kalt.“ Melissa kamen die Tränen. „Das ist so ungerecht, so gemein. Ich wollte sie immer besuchen. Immer! Aber immer wieder habe ich es aufgeschoben. Erst wollte ich die Schule fertig machen, dann erst die Ausbildung abschließen… Und jetzt ist es zu spät!“ Melissa schnäuzte sich. „Weißt du Fiete, wenn Anne nicht gewesen wäre, ich glaube, ich wäre schon in der ersten Nacht gestorben. Sie war so gut zu mir. Hat mir so sehr geholfen. Sie hat nie gefragt, was sie dafür bekommt. Hat mir von dem Bisschen, was sie hatte, noch abgegeben…“ „Ja, Anne hatte ein großes Herz.“ sagte Fiete nachdenklich. Melissa schaute über den Platz. In ihren Gedanken sah sie Anne die Straße raufhumpeln. Schwer bepackt mit allerlei Kram, den sie wieder irgendwo abgestaubt hatte. „Fiete, weißt du, wo sie sie hingebracht haben?“ fragte Melissa. „Das Urnengräberfeld uf´m Städtischen, wo die Anonymen liegen. Da hamse ihr bejraben. Sie hat dir nich vajessen, Melissa. Sie hat janz oft von dir jesprochen“ „Danke Fiete, lebe wohl!“ Melissa winkte Fiete noch einmal und ging. „Tschüß Melissa!“ rief Fiete, „und vajiss den alten Mann nich, du süßer Käfer!“ Fietes Lachen schallte durch die Straße.

Bis zum Friedhof waren es zu Fuß nur 15 Minuten. Unterwegs kaufte Melissa einen kleinen Blumenstrauß. Auf dem Friedhof ging sie zum Urnenfeld. Sie nahm sich eine Vase und steckte die Blumen hinein. Die Vasen lagen hier für Besucher bereit, jeder durfte sich bedienen. Melissa zupfte die Blumen ein wenig zurecht und stellte sie an den vorderen Rand des Feldes. Dann begann sie zu flüstern: „Hallo Anne. Ich habe dir Blumen mitgebracht. Ich weiß ja nicht, wo du liegst. Ich habe sie hier vorn hingestellt. Ich wollte mich bei dir bedanken. Für alles, was du für mich getan hast. Ohne dich hätte ich es nicht geschafft, hätte ich die ersten Wochen nicht überstanden. Danke! Es tut mir so schrecklich leid, dass ich dich nicht besucht habe. Ich wollte es immer. Und nun ist es zu spät. Ich werde dich nie vergessen. Nie!“ Melissa holte ein Taschentuch raus und putzte sich die Nase. Sie schaute noch einmal über das Urnenfeld und zupfte nochmal die Blumen zurecht. Dann drehte sie sich um und ging.

Auf der Straße kamen ihr ein Mann und eine Frau entgegen. Der Mann sprach zu der Frau, aber die Frau schien irgendwie nicht richtig zuzuhören. Melissa stockte der Atem. Es waren ihre Eltern! Innerlich war sie wie erstarrt, aber sie ging ohne zu Zögern schnellen Schrittes weiter. Als sie an ihnen vorbei lief, schaute sie geradewegs nach vorn. Ein paar Meter weiter war eine Bushaltestelle. Ein Bus hielt, und Melissa stieg ein. Die Mutter war stehengeblieben und hatte sich umgedreht. „Was ist denn?“ fragte der Vater. „Sag mal, hörst du mir eigentlich zu?“ „Das war doch… War das nicht Melissa?“ Die Mutter schaute zur Bushaltestelle. „Melissa? Wo?“ Der Vater blickte sich suchend um. „Da! Sie ist gerade in den Bus eingestiegen.“ Die Mutter zeigte Richtung Bushaltestelle. „Melissa! Melissa! Du siehst überall Melissa! Du weißt doch, dass diese undankbare Göre nichts mehr mit uns zu tun haben will. Es ist uns verboten, sie zu sehen! Komm jetzt!“ Der Vater drehte sich um und ging weiter. Die Mutter schaute noch für ein paar Sekunden zur Bushaltestelle. Dann folgte sie ihrem Mann.

Ende

Eine Geschichte von: Susanne
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1 Antwort zu “Aversionstherapie – Teil 9”

  1. Nun … eine Geschichte muss auch ein Ende haben und dieses hier ist gar nicht schlecht.
    Schade, dass sie sich nicht bei Anne bedanken konnte. Aber verpasste Chancen pflastern unseren Weg. Man denkt immer, man hat noch soviel Zeit und morgen ist auch noch ein Tag. Und dann ist es zu spät.
    Auch schade, dass nicht erzählt wird, wie Melissa im normalen Alltag mit dem Windeltragenmüssen zurecht kommt und welche Detaillösungen sie findet. Wird sie von Daniela gewickelt oder macht sie es immer selbst?
    Wie leben die zwei zusammen, welche Konflikte entstehen dabei und wie lösen sie sie? Was sagen die Mitschüler? Und die Lehrer?
    Melissas Peiniger sind verhaftet worden. Aber es folgte doch ein Gerichtsprozess. Musste Melissa als Zeugin aussagen? Wie hat sie das bewältigt, dass sie dabei die Situationen erneut durchleben musste? Und was ist mit dem anderen Mädchen?
    Trotzdem – unterm Strich eine gute Geschichte.
    Und vielleicht gibt es bald auch eine ganz neue Geschichte von Dir.

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