Internat oder Irrenhaus – Teil 5

4.2
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Diese Geschichte ist frei erfunden und enthält möglicherweise sexuelle Inhalte!

Wenige Meter weiter öffnete Maria eine Tür und schob mich in den Raum.

Wir waren nun in einer rustikal eingerichteten Küche. Doch ich wagte es nicht, mich weiter umzusehen. Mitten in der Küche stand ein großer Tisch und daran saßen drei Mädchen. Sie waren, soweit ich das einschätzen konnte, ungefähr in meinem Alter, also dreizehn oder vierzehn. Sie hatten ihr Gespräch unterbrochen und starrten mich neugierig an. Und alle trugen weiße Blusen und rote Strickjacken. Da sie am Tisch saßen, waren die Röcke kaum zu sehen.

Maria betrachtete den gedeckten Tisch und die essenden Mädchen. Ihr Blick streifte die Wanduhr, dann sagte sie:

„Ja, es ist spät geworden. Gut, dass ihr schon angefangen habt. Also, ich darf euch nun Leonie vorstellen. Sie gehört ab sofort zu unserer Gruppe. Leonie, das ist Katja, das ist Sophie und dahinten ist Lotta.“

„Carlotta bitte“, sagte das schwarzhaarige Mädchen gereizt.

„Richtig“, sagte Maria, „also Carlotta.“

Die Mädchen murmelten: „Hallo Leonie.“

Dann aßen sie weiter.

„Komm Leonie, setz dich neben Katja.“

Maria schob mir den Stuhl zurecht und dann saß ich neben dem Mädchen mit den braunen Haaren. Auch ihre Haare waren hinter den Ohren zu Zöpfen geflochten, wie auch Sophies Haare. Carlotta dagegen hatte dicke lockige Haare und trug ihre schwarzen Haare zu einen einzelnen dicken Zopf geflochten der über ihren Rücken fiel.

Stumm kauend musterten mich die beiden Mädchen, die Katja und mir gegenüber saßen. Keines von ihnen hatte Schminke im Gesicht und Ohrringe gab es auch nicht. Auch waren ihre Fingernägel unlackiert.

Alle drei schmunzelten, wie ich da zurückgelehnt auf meinem Stuhl saß um meinen Bauch zu entlasten.

Meine Beine musste ich weit spreizen und es fühlte sich komisch an, so auf einem Stuhl zu sitzen. Mit einem dicken Windelpolster unter dem Popo.

Maria schob mir den Brotkorb hin.

„Komm Leonie, nimm dir eine Scheibe heraus.“

Dann nahm sie meine Tasse und goss mir Tee ein.

„Ich hoffe, du magst Hagebutte“, sagte sie, als sie mir die große Bechertasse an meinen Teller stellte.

„Hier ist Butter, da Margarine, nimm dir, was du magst.“

Leise seufzte ich und schmierte mir unbeholfen ein Brot. Als ich zur Leberwurst griff, schimpfte Sophie.

„Nee, schon wieder einer, der Tiere isst. Weißt du eigentlich wie die Tiere leben, bevor sie zu Wurst werden?!“

Doch ich kam nicht dazu, etwas dazu zu sagen.

Maria ging dazwischen und sagte streng:

„Wir haben das Thema ausführlich besprochen Sophie. Niemand zwingt dich Fleisch zu essen und du hackst auf niemandem herum, der das tun möchte. Fleisch wird von jeher von Menschen gegessen.“

„Genau“, stimmte Katja zu, „die Tiere würden gar nicht leben, wenn wir sie nicht hinterher essen würden!“

„Schluss jetzt!“ Maria hatte genug, „Solche Dinge könnt ihr im Unterricht besprechen! Hier kann jeder von dem essen, was auf dem Tisch steht. Er muss sich dafür auch nicht rechtfertigen. Auch nicht vor dir Sophie!“

„Ätsch!“

Katja streckte Sophie die Zunge heraus.

„Das reicht jetzt, Katja!“

Maria sah die beiden streng an.

Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert. Wenn wir Kinder abends bei Brot und Tee am Tisch saßen und kindisch stritten, ob nun blau oder rot die richtige Lieblingsfarbe wäre und anderen unsinnige Dinge.

Das war mit dem Thema Tierschutz und kaufe ich mein Schnitzel beim Biometzger oder verzichte ich lieber ganz auf Fleisch natürlich nicht vergleichbar, aber wir Kinder führten unsere Diskussionen mit dem gleichen Schwarz-Weiß-Denken. Die eigene Position war die einzig richtige und der Andersdenkende war eben dumm.

Mama, Papa und die anderen Erwachsenen hielten viel von einer offenen Streitkultur, schüttelten aber doch manchmal die Köpfe, wenn sie uns Kinder streiten hörten.

Ich hatte mein Brot endlich fertig und zu essen begonnen. Es war gar nicht so einfach, so zurückgelehnt zu arbeiten und sich die Ärmel nicht schmutzig zu machen. Die Manschetten der Bluse waren ziemlich eng und ich konnte sie nicht weit den Arm hinaufschieben.

Nach dem ersten Brot ging es mir schon besser und ich trank von meinem Tee. Sophie schaute wieder pikiert, als ich Zucker in meine Tasse schaufelte.

Und etwas entspannter begann ich mir ein zweites Brot zu schmieren. Als ich wieder nach der Leberwurst griff, sah Sophie mich erneut giftig an.

Mit dem zweiten Brot in der Hand musterte ich Sophie und Carlotta verstohlen, fand aber keinen Hinweis darauf, dass eine von ihnen ein Junge war, so wie ich. Schließlich war ich mit essen fertig. Maria hatte mir noch einmal Tee eingegossen und Sophie warf mir einen weiteren giftigen Blick zu, als ich erneut Zucker in meine Tasse löffelte.

Plötzlich breitete sich ein unangenehmer und eindeutiger Geruch im Raum aus. Erschrocken dachte ich nach. Hatte ich in meine Windeln gemacht. Aber das hätte ich doch merken müssen. Ich fragte mich ohnehin, ob ich denn groß in die Windel machen konnte, wenn der Body sie mir so fest an den Körper presste.

Doch schließlich, als Sophie rot anlief, war die Sache klar.

Wie hatte sie das nur hinbekommen? Groß in die Windeln zu machen, während sie auf ihrem Stuhl saß!

Katja lachte und rief:

„Das kommt davon, wenn man Fleisch verweigert. Dann kriegt man Verstopfung und muss Abführmittel schlucken!“

Maria blieb verdächtig still, sah Katja lange und ernst an und Katja starrte nun angestrengt auf ihren Teller.

Schließlich sagte Maria:

„Gut, Sophie, geh schon mal in dein Zimmer. Ich komme gleich nach. Du kannst dich ja schon einmal ausziehen.“

Sophie war noch nicht aus der Tür, da ertönte plötzlich eine Melodie. Maria griff in ihre Tasche und zog ein Handy oder ein schnurloses Telefon hervor.

„Hallo, Maria hier“, sprach sie in den Apparat.

„Ja, das wäre gut. Julia hat ja noch Urlaub.“ – „Gut, dann bis gleich.“

Maria steckte das Telefon wieder weg.

„Tante Steffi kommt gleich und leistet uns Gesellschaft bis ihr im Bett seid. Ich werde schnell Sophie wickeln und ihr zwei könnt schon einmal den Tisch abräumen.“

Sie wandte sich an mich.

„Du, Leonie, bleibst schön hier sitzen. Morgen ist auch noch ein Tag.“

Maria erhob sich und verließ die Küche.

Carlotta und Katja blieben noch sitzen. Verstohlen musterten sie mich und brannten scheinbar darauf mir Fragen zu stellen. Aber sie blieben stumm. Vielleicht hatte Maria ihnen verboten, mich gleich am ersten Abend mit Fragen zu löchern. Doch mir hatte Maria nicht verboten, Fragen zu stellen und schließlich wollte ich ja auch wissen, wie es hier im Internat zugeht.

„Und, seit ihr schon lange hier“, fragte ich.

Überrascht schauten die beiden mich an. Damit hatten sie nicht gerechnet. Katja fasste sich als erste:

„Gestern waren es genau sechs Monate. Ein halbes Jahr bin ich schon hier und muss mit solchen Knalltüten die Schulbank drücken!“

Dabei blickte sie zur Tür und da Carlotta friedlich aus ihrer Tasse trank, ging ich davon aus, dass Katja auf Sophie anspielte.

„Warst du seitdem wieder einmal zuhause“, fragte ich.

Katja schüttelte den Kopf.

„Ich hatte gehofft, Weihnachten wieder daheim zu sein. Aber meine Eltern meinten, das sei zu früh. Ich müsse mich erst richtig im Internat eingelebt haben. Vier Wochen Strafe hätten doch gereicht!“

Katja hatte sich also auch daneben benommen.

„Was hast du denn angestellt?“

Aufgebracht erzählte Katja von ihrem neuen Freund und ich begann Katjas Eltern zu verstehen. Eine Vierzehn- höchstens Fünfzehnjährige und ein Mann von achtundzwanzig, hatte gerade im Lotto gewonnen, groß abgeräumt und lebte jetzt auf sehr großen Fuß. Alle Tage gab er Partys.

Auch wenn es in Wirklichkeit vielleicht nicht ganz so wild zuging, wie in Katjas farbiger Schilderung. Schon klar, dass ihre Familie das nicht gerne sah. Man selber hatte den Reichtum hart erarbeitet (gut, geerbt hatte man ja auch schon etwas), ging jeden Tag ins Büro und vermehrte den eigenen Reichtum und die Tochter verknallte sich in einen Typen, der nicht lange reich sein würde, wenn er weiter so mit dem Geld um sich warf. Und er war auch eindeutig zu alt für Katja.

Aber Katja war immer noch bis über beide Ohren verliebt. Dass er sich nicht gemeldet hatte, war für Katja kein Grund ihre Liebe aufzugeben.

Ihre Eltern hätten sie eben zu gut versteckt.

Aber hätte er nicht jeden Privatdetektiv Deutschlands beauftragen können, seine große Liebe zu suchen?

Diese Frage stellte ich aber nicht laut.

Katja war inzwischen aufgestanden. Sie war jetzt so aufgewühlt, dass sie nicht mehr sitzen konnte. Gestenreich schwärmte sie von ihrem Freund und sprang von einem Fuß auf den anderen.

Carlotta erhob sich nun ebenfalls:

„Nun beruhig dich mal wieder“, sagte sie unaufgeregt.

„Dein Prinz wird schon eines Tages kommen. Lass uns mal lieber den Tisch abräumen. Maria kommt gleich bestimmt zurück.“

„Ach du Streberin“, antwortete Katja.

Sie seufzte und half Carlotta nun. Ein Tablett gab es nicht und beide Mädchen mussten mehrfach zwischen Tisch und Küchenzeile hin und herlaufen.

Für mich ergab sich damit die Gelegenheit, dabei zuschauen zu dürfen, wie die zwei sich beim Laufen bewegten. Daraus konnte ich schließen, dass auch Katja Windeln trug. Carlotta bewegte sich dagegen unauffällig, trug aber die gleiche Schuluniform, wie Katja, Sophie und ich.

„Wie bist du denn hierhin gekommen, Carlotta“, fragte ich nun.

Sie stand am offenen Kühlschrank, drehte sich zu mir um und sah mich belustigt an.

„Das, liebe Leonie, erzähle ich dir dann mal.“

Sie schloss den Kühlschrank und wollte offenbar noch etwas hinzufügen. Aber Katja war schneller.

Mit romantisch verklärtem Blick rief sie:

„Carlotta versteckt sich hier. Stell dir vor: Die Feinde ihrer Familie wollen sie umbringen!“

„Mensch, du Tränentier“, fuhr Carlotta Katja an. „Kannst du nicht einmal deine Klappe halten!“

Mit dem Blick auf mich, sprach sie weiter:

„Was machst du jetzt, wenn sich Klein-Leonie als Spion entpuppt?“

Entsetzt starrte Katja mich an und hinter ihr lachte Carlotta stumm übers ganze Gesicht.

„Ojemine, was machen wir denn jetzt?“

Geradezu verzweifelt drehte Katja sich um und Carlottas Lachen wich blitzschnell einer besorgten Miene.

„Da hilft wohl alles nichts. Wir müssen den kleinen Handlanger foltern und alles aus ihm herauspressen! Wer seine Auftraggeber sind, wo er sich melden soll, wo er seine Berichte in den toten Briefkasten bringt!“

Entsetzt starrte Katja nun Carlotta an.

„Und dann“, fuhr diese fort, „müssen wir uns eine Lösung ausdenken! Etwas Endgültiges, damit er niemandem mehr schaden kann! Ich habe mal gehört, dass Maria Curare in ihrem Schrank versteckt hat…“

Gelassen wie der Pate im Mafiafilm, schlenderte Carlotta zu meinem Stuhl.

Bei mir angekommen zog sie den Stuhl neben meinem hervor, setzte sich rittlings darauf und verlangte:

„Na los, Esteban! Erzähl mal, warum bist du hier?“

Erwartungsvoll sah sie mich lächelnd an und jetzt war ich wohl an der Reihe. Ob Carlotta mir überhaupt glauben würde?

Eine Geschichte von: Joe Miller

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1 Antwort zu “Internat oder Irrenhaus – Teil 5”

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